Der Vordenker und Eisenbahnpionier Friedrich List (1789-1846)

Seiner Zeit voraus

Portrait Friedrich ListDie Geschichte der deutschen Eisenbahn in Deutschland im Allgemeinen und die der bayerischen Ludwig-Süd-Nord-Bahn im Besonderen beginnt mit Daniel Friedrich List. List war der erste und der bedeutendste deutsche Ökonom des 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus war er Verwaltungsreformer, liberaler Vordenker, Politiker, Unternehmer, Publizist, Journalist und Eisenbahnpionier. Im Denken und Handeln seiner Zeit weit voraus, hat er zu Lebzeiten in Deutschland nie die Anerkennung erfahren, die ihm zusteht. Heute zählt er zu den bedeutendsten Klassikern der Volkswirtschaftslehre. Seine Gedanken und Ideen im Verkehrs- und Transportwesen sowie in Wirtschaft und Politik sind zum Teil bis heute aktuell und haben im Laufe der vergangenen eineinhalb Jahrhunderte weltweit Beachtung gefunden.

Karte des Deutschen Bundes 1815 bis 1866

Gegen das kleinstaatliche Denken
Als Ökonom setzte sich List gegen das kleinstaatliche Denken und für die Überwindung der innerdeutschen Zollgrenzen ein. Um 1830 war Deutschland ein heterogener, von kleinstaatlicher und engstirniger Denkweise geprägter Staatenbund („Deutscher Bund“) aus sechs Kaiser- und Königreichen (von denen Preußen und Österreich nur zum Teil dazugehörten), 34 Fürsten- und Herzogtümern und vier freien Städten. Das Durcheinander unterschiedlicher Zoll-, Münz-, Post- und Rechtssysteme lähmten den innerdeutschen Handel und Verkehr. Bahntechnisch war Deutschland damals völliges Entwicklungsland. Andere Länder waren bereits wesentlich weiter: In England rollte 1825 der erste Zug zwischen Stockton und Darlington (15 km), 1829 wurde die 56 km lange Liverpool-Manchester Bahn eröffnet. In den Vereinigten Staaten von Amerika entstand die erste Bahnstrecke 1830, fünf Jahre später waren bereits mehrere tausend Kilometer Bahnstrecken verlegt.

alte Darstellung von Port Clinton in PennsylvaniaIm Exil
Politisch in Ungnade gefallen – als Landtagsabgeordneter im deutschen Parlament kritisierte er vehement Mißstände in Verwaltung, Rechtspflege und Staatsfinanzen – musste List samt Familie in die Vereinigten Staaten von Amerika nach Pennsylvania auswandern. Dort betätigte er sich untere anderem als Unternehmer im Kohlebergbau und im Eisenbahnwesen. Bereits 1831 baute er die 22 Meilen lange Bahnstrecke von seinem Bergwerk zur Verladestation Port Clinton, von wo aus die Kohlen über den Schuylkill-Kanal nach Philadelphia verschifft wurden. Bei all seinen Aktivitäten verlor List Deutschland nie aus seinem Blickfeld. In brieflichem Kontakt mit dem in Bayern in Staatsdiensten tätigen Ingenieur Joseph von Baader entwickelte er ein bayerisches Eisenbahnnetz mit Verbindungen zu den Hansestädten an Nord- und Ostsee.

Gemälde von Joseph von Baader, der eine Pferdebahn von Nürnberg nach Fürth bauen wollteDer  Verfechter von Pferdebahnen auf „eisernen Straßen“
Joseph von Baader (1763 – 1835) gilt als einer der bemerkenswertesten Vordenker in der frühen bayerischen Eisenbahngeschichte. Er studierte zunächst Medizin, dann in England Mathematik und Mechanik. Zurück in Bayern setzte er sich als Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Direktor des Berg- und Maschinenwesens für den Bau von Pferde-Eisenbahnen ein. 1807 fertigte Bader erste Entwürfe für eine Schienenverbindung anstelle einer Kanalverbindung zwischen Main und Donau. 1814 legte er einen Plan für eine Pferdebahn zwischen Nürnberg und Fürth vor, die dann 20 Jahre später in seinem Todesjahr als Eisenbahnstrecke gebaut wurde.

Das erste deutsche Eisenbahnsystem
1833 – also zwei Jahre vor der Eröffnung der ersten deutschen Eisenbahnstrecke Nürnberg-Fürth – entwickelte List das „Deutsche Eisenbahn-System“, in dem alle wichtigen Handels- und Hafenstädte über Hauptmagistralen miteinander verbunden waren. Die Hauptschnittstelle des deutschen Bahnverkehrs situierte List in Berlin. Von hier aus skizzierte er nicht weniger als sechs Bahnstrecken in alle Himmelsrichtungen. Einen zweiten zentralen Verkehrsknoten wies er der Handels- und Messestadt Leipzig zu. Von großer Bedeutung waren die Seehäfen Hamburg, Bremen und Lübeck als Hauptumschlagplätze des europäischen und des globalen Handels. Im Süden Deutschland war die Stadt Lindau Umschlagplatz und Handelshafen für Waren und Güter aus Deutschland in die Schweiz und nach Südeuropa. Dementsprechend sah List eine Verbindung von Leipzig über Bamberg, Nürnberg und Augsburg nach Lindau vor, die spätere Ludwig-Süd-Nord-Bahn. Zwei Jahrzehnte nach Erscheinen der Skizze von Friedrich List, waren in Deutschland alle Fernbahnstrecken in etwa so gebaut, wie von ihm vorgeschlagen.

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