Der Maler Karl Herrle

Über Brücken und Dämme zum Bodensee

Das Königreich Bayern war sich der epochalen Bedeutung der Ludwig-Süd-Nord-Bahn sehr wohl bewusst. Insbesondere die für die damalige Zeit konstruktions- und bautechnisch herausragenden Brücken- und Dammbauwerke zwischen Kempten und Lindau wollte man dokumentieren. Die Eisenbahn-Commission in Nürnberg beauftragte den in ihren Diensten stehenden Ingenieurpraktikanten Jakob Herrle, die technischen Bauwerke und Bahnhöfe in Skizzen festzuhalten. Nachfolgend wurde sein Bruder, der Maler Karl Herrle (1828-1878), mit der Erstellung von Aquarellen beauftragt. Mit den technischen Skizzen seines Bruders im Gepäck reiste Karl Herrle mehrmals während der Bauzeit und nach Eröffnung der Strecke ins Allgäu. Die Eisenbahn-Commission stellte eine Auslese seiner Aquarelle zu einem Album zusammen, das im Dezember 1855 König Maximilian II überreicht wurde. Etwa die Hälfte seiner Bilder ist im Archiv des DB-Museums Nürnberg erhalten.

Brücke Obere Argen östlich Harbatshofen, 1853/54
Gemälde Karl Herrle , DB Museum Nürnberg

heutige Ansicht 2021
Foto S.Stern

Nach Oberstaufen verläuft die Süd-Nord-Bahn im Talraum der  Oberen Argen, die vor Harbatshofen mit einem 52 m langem, dreijochigem Ziegelstein-Viadukt gequert wird. Das Erscheinungsbild des unter Denkmalschutz stehenden Viadukts ist für das Allgäu einzigartig. Herrle malte das Viadukt von Norden mit Blickrichtung Süd. Im linken Viaduktbogen ist ein von Oberstaufen kommender Zug zu erkennen. Nach Querung des Viadukts fährt der Zug weiter Richtung Westen zur Bahnstation Harbatshofen. Das von demselben Standpunkt aufgenommene Foto zeigt, dass der Maler das Viadukt in künstlerischer Freiheit etwas verzerrt malte und perspektivisch drehte, um eine Blickachse nach Süden in den Talraum zu erhalten.

Bahndamm Rentershofen, um 1890 und 2020
Postkarte Sammlung Knestel

heutige Ansicht 2020
Foto S.Stern

Im Vergleich zu Herrles Aquarell  zwei Fotos, die den Rentershofer Damm vom Hauptort Röthenbach zeigen. Auf dem Foto von 1890 sind die Dammböschungen noch baumlos, die geradlinige Dammkrone ist gut zu erkennen ebenso die zur Böschungsentwässerung eingebauten Steinriegel. Heute ist der Damm aufgrund der Waldentwicklung kaum mehr als künstliches Bauwerk wahrnehmbar. Auf dem Foto 2020 ist auf dem Damm die neue Straßenunterführung sowie rechts anschließend die Ortschaft Oberhäuser zu erkennen.

 

Bahnbrücke im Leiblachtal bei Muthen, 1853
Gemälde Karl Herrle, DB Museum Nürnberg

Die sogenannte „Hämmerlebrücke“ war wie die „König-Ludwig-Brücke“ über das Illertal bei Kempten und die Ellhofer Tobelbrücke im Howe’schen System gebaut. Die diagonalen Holzverstrebungen und die vertikalen Eisenstäbe wurden von Herrle detailliert und technisch korrekt wiedergegeben. Das Bild zeigt die Brücke kurz vor ihrer endgültigen Fertigstellung, die Bauarbeiter erledigen letzte Restarbeiten wie Anpassung und Eingrünung der Böschungen. Zwischen den beiden Pfeilern ist im Hintergrund ein Zug zu erkennen, der von Lindau kommend unterhalb der Kirche Wohmbrechts vorbeifährt. Die Landschaft ist höhenmäßig stark überzeichnet, die im Hintergrund zu erkennende Bergkulisse entspringt der Phantasie Herrles wie auch der mächtige Bahndamm, über den der Zug soeben fährt. Diese dramatische Inszenierung war von Herrle bewusst gewählt, um damit das Bauwerk umso eindrucksvoller in Szene zu setzen. Dazu dient auch die kräftige Schattengebung im Vordergrund und die helle Ausleuchtung des Bauwerks im Zentrum des Bildes. Dieses Stilmittel findet sich auf fast allen Bildern Herrles.

Der Bodenseedamm zu Lindau, 1854/55
Aquarell Karl Herrle,
DB Museum Nürnberg

Zu erkennen sind die drei Durchlässe zum nunmehr neu entstandenen „Kleinen See“ und das Festungstor am Ende des Seedammes, dessen Tore zum Schutz der Stadt vor feindlichen Angriffen geschlossen werden konnten. Mit Zinnen bekrönt fügte es sich in die festungsartige Stadtmauer ein. Das Tor war militärisch aber bereits damals überholt. Knapp 20 Jahre später wurde es beim Bau des zweiten Gleises nach Bregenz abgerissen. Interessanterweise stellte Herrle die Häuser der Stadt Lindau im alpenländischen Gebirgsstil dar. Auch die Landestelle im Vordergrund rechts gab es so nicht, sie wurde aus dramaturgischen Gründen eingefügt.

 

 

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