Der Bau der Süd-Nord-Bahn im Allgäu

Eine Baustelle von Kempten bis Lindau

Im Sommer 1851 begannen die Bauarbeiten im Landkreis Lindau. Die sich von Kempten bis Lindau erstreckende Baustelle war seiner Zeit das größte Bauvorhaben Bayerns. 1852 waren durchschnittlich etwa 6.300 Frauen und Männer beschäftigt. Allein auf den Baustellen im Raum Röthenbach arbeiteten zeitweise bis zu 1.200 Menschen, davon etwa 700 am Rentershofer Bahndamm bei Röthenbach. Trotz der geringen Bezahlung strömten die Menschen zu den Baustellen, da Arbeitsplätze rar waren. Die Arbeiter stammten überwiegend aus der näheren Umgebung, aber auch aus den entfernteren Regionen Württemberg, Vorarlberg, der Schweiz und Italien. Wegen der Vielzahl an lohnabhängigen Arbeitern, die größtenteils aus den unteren sozialen Schichten stammten, war die Obrigkeit in ständiger Alarmbereitschaft. Zur Vermeidung von Diebstählen, Übergriffen und Schlägereien wurde die Polizeistunde eingeführt und ein Verbot des Wirtshausbesuchs an Sonn- und Feiertagen ausgesprochen.

Großbaustelle Bahndamm Rentershofen, 1852
Gemälde Karl Herrle,
DB Museum Nürnberg

Der Bau des Bahndammes im Talraum Renterhofen südlich Röthenbach war die größte Baustelle zwischen Kempten und Lindau. Ursprünglich sollte das Tal mit einer 525 m langen Brücke überwunden werden, jedoch bot der moorige Talgrund keinen festen Baugrund. Auch war die bahneigene Ziegelei in Biesenberg (bei Heimenkirch) kapazitätsmäßig nicht in der Lage, die für das Brückenbauwerk veranschlagten 9 Millionen Ziegelsteine herzustellen. Somit entschieden sich die Ingenieure für ein rund 50 m hohes Dammbauwerk, das trotz seiner Größe kostenmäßig günstiger als eine Brücke veranschlagt werden konnte. Denn Arbeitskräfte waren in großer Anzahl vorhanden, das Lohnniveau gering und das benötigte Schüttmaterial konnte in der näheren Umgebung durch Geländeabtragungen gewonnen werden. Das Baustellenbild von Härle zeigt anschaulich die mühselige Erbauung des Damms in Handarbeit, die Bauarbeiten sind akribisch dargestellt. Das Erdmaterial wurde mit Handloren zur Baustelle geschoben und von der Dammkrone abgekippt.

Streiks und soziale Unruhen
Bau eines Einschnitts an der Strecke Donauwörth-Treuchtlingen, um 1905
DB Museum Nürnberg

Beim Bau der Süd-Nord-Bahn wurden die Löhne nicht immer regelmäßig ausgezahlt, was in der Folge mehrfach zu Unruhen und Streiks unter den Arbeiter führte, beispielsweise 1852 in Knechtenhofen bei Oberstaufen. Oftmals wurden die „Rädelsführer“ zur Einschüchterung der Arbeiter vor der Lohnauszahlung verhaftet und zur Verurteilung dem königlichen Landgericht in Weiler übergeben. Der zuständige Landrichter leistete wohl auch auf andere Weise einen ungewöhnlichen Beitrag zum raschen Fortschreiten der Bautätigkeit. Er ließ angeblich alles „Lumpengesindel, Landstreicher und Bettler“ aufgreifen, verordnete ihnen zunächst eine „Tracht Prügel“ und verpflichtete sie dann zum Dammbau in Röthenbach.

Als die Süd-Nord-Bahn gebaut wurde, steckte die Fotographie noch in den Kinderschuhen, daher liegen aus dieser Zeit keine Fotos vor. Stellvertretend wird daher ein Foto von 1905 vom Bau der Strecke Donauwörth – Treuchtlingen gezeigt. Rund 50 Jahre nach Bau der Süd-Nord-Bahn erfolgte der Eisenbahnbau immer noch in Handarbeit zahlreicher Arbeiter.

Großbaustelle Durchstich Zwerenberg, 1852 und 2021  Gemälde  Karl Herrle, DB Museum Nürnberg

 

Foto Stefan Stern

Zwischen dem Oberen Argental und dem Bahnhof Harbatshofen liegt der Bergrücken Zwerenberg, der ursprünglich mit einem Tunnel durchfahren werden sollte. Wegen der instabilen Geologie entschieden sich die Ingenieure aber für eine offene Bauweise, so dass die Bahntrasse in einem rund 600 m langen und 40 m tiefen Geländeeinschnitt verläuft. Die zu bewegenden Materialmengen waren für die damalige Zeit einmalig. Da es sich um eine „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ handelte und dampfbetriebene Baumaschinen erst in Entwicklung waren, musste das Erdmaterial in Handarbeit abgebaut, mittels Handloren von der Baustelle abtransportiert und nördlich des Stationsgebäudes Harbatshofen flächig im Gelände verfüllt werden.

Der Standort des Malers war nördlich der Strecke oberhalb der Bahnstation Harbatshofen. Über die Baustelle hinweg geht der Blick Richtung Südosten, im Hintergrund ist das Tal der Oberen Argen zu erkennen, in dem die Strecke von Oberstaufen her kommend verläuft.

Bau der Bahnbrücke Ellhofer Tobelbach, 1852 Gemälde Karl Herrle, DB Museum Nürnberg

Das Aquarell zeigt anschaulich die damals angewendete Brückenbautechnik. Nach Fertigstellung der gemauerten Pfeiler und Widerlager wurde ein riesiges Holzgerüst errichtet, das den gesamten Talraum ausfüllte. Danach begann die Montage der Brückenträger, auf der linken Seite der Brücke werden soeben die Streckbalken verlegt. Alle Arbeiten erfolgten mit kleinen Handkränen und Muskelkraft, Drehkräne wurden erst rund 60 Jahre später erfunden.

 

 

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