Bahnexpedition I. Classe - der Bahnhof Oberreitnau

Bahnstationen im oberbayerischen Gebirgsstil

Aus Kostengründen wurden lediglich die Hauptbahnhöfe repräsentativ gebaut, die weniger bedeutsamen Kleinstadt- und Landbahnhöfe erhielten eine genormte Zweckarchitektur. Trotz dieser einengenden Vorgabe versuchte der Architekt der Eisenbahn-Commission Eduard Rüber anspruchsvolle Bahngebäude zu errichten. Zudem sollten ja die Bahnhöfe der Ludwig-Süd-Nord-Bahn in regionaltypischer Bauweise mit den vor Ort vorhandenen Baumaterialien gebaut werden, was automatisch zu regional unterschiedlichen Bauweisen führte. Nördlich der Donau und im Fichtelgebirge standen als Baustoffe die natürlich anstehenden Gesteine Sandstein und Gneis zur Verfügung. Südlich der Donau ist der geologische Untergrund aber mit Kiesen und Sanden überschüttet, die von den Gletscherschmelzwasserströmen großflächig und tiefgründig abgelagert wurden. Ersatzweise mussten daher hauptsächlich Holz, aus Lehm gebrannte Ziegel und Molassegestein (zu festen Konglomeraten verbackene Kiesel) verwendet werden.

Die Königsalpe bei Kreuth von 1818

König Maximilian II. bestimmte für alle Forsthäuser und Bahnstationen des Voralpenraums die Anwendung des oberbayerischen Gebirgsstils. Dafür wurden typische Häuser als Prototypen ausgesucht, so die Königsalpe bei Kreuth. Eduard Rüber baute diese Prototypen aber nicht 1:1 nach, sondern übernahm lediglich charakteristische Elemente wie Holzgalerien, Vordächer, verbretterte Giebel und gerade Fensterstürze. In derselben Art wurden die Bahnstationen Wildpoldsried, Aitrang und Biessenhofen gebaut. Die Stationen Oberdorf und Günzach wurden dagegen Landhäusern am Tegernsee nachempfunden.

 

Entwurf der Bahnstation Oberreitnau, 1852
DB Museum Nürnberg

Da die Bahn am Standort des Stationsgebäudes in einem Einschnitt verläuft, wurde dieses zur Kosteneinsparung auf der Geländeterrasse gebaut. Der Abgang zu den Gleisen erfolgte mit einer überdeckten Freitreppe.

Bahnstation Oberreitnau, 1910
Foto Sammlung Verein aus dem Nachlass R.Böhme

Im Bahnhof Oberreitnau wurden Obst und Wein aus der gesamten Umgebung verladen. Die Rangier- und Verschubarbeiten übernahm eine Tenderlok  vom Bahnbetriebswerk Lindau, hier die DIV Hermes. Damals erhielten die Lokomotiven zusätzlich der Gattungsnummer noch individuelle Namen.

Bahnstation Oberreitnau, 16.August 1896 Foto Sammlung Weingärtner

Das Foto von 1896 zeigt den Bahnhof im Originalzustand mit drei Achsen. Der Sockel besteht aus Hausteinen (vermutlich Nagelfluh). Das Erdgeschoss besteht aus unverputzten Ziegelsteinmauern, das Obergeschoss aus Holzfachwerk mit Ziegelsteinen. Der Kniestock wurde mit einer Holzverschalung versehen.

Bahnhof Oberreitnau ca. 1902 DB Museum Nürnberg

Beim Ausbau der Ludwig-Süd-Nord-Bahn 1902 verbreiterte die Staatsbahn das Stationsgebäude auf sechs Achsen, das Fachwerk im Obergeschoss wurde durch eine Ziegelsteinwand ersetzt. Auch die Freitreppe ist umgebaut.

Bahnhof Oberreitnau ca. 1935
Sammlung H.Weingärtner

An der Anzahl der Bahnbediensteten ist erkennbar, dass der Bahnhof auch zu Reichsbahnzeiten noch eine größere Bedeutung als Personenbahnhof, Poststelle und Güterumschlagplatz hatte. 

 

Bahnhof Oberreitnau, 1959  
DB Museum Nürnberg

In den 1950er Jahren wurden die Fassaden verputzt und die Freitreppe verkleinert.



Bahnhof Oberreitnau, 1974  
Foto Gerhard Greß

Bis zur Schließung des Bahnhofes 1982 blieb der Bahnhof unverändert. 1991 verkaufte die DB den Bahnhof., er ist seitdem im Privatbesitz Als 2020 die Bahnanlagen in und um Lindau grundlegend modernisiert und die Strecke elektrifiziert wurde, mussten aufgrund gesetzlicher Vorgaben die in Ortschaften verlaufenden Gleise mit Schallschutzwänden versehen werden, was nicht gerade zum Vorteil der Ortsbilder beitrug. Der stillgelegte Bahnhof Oberreitnau wurde dabei komplett von den Gleisen getrennt. Die politisch geforderte und seitens der Bayerischen Eisenbahngesellschaft BEG angestrebte Reaktivierung als Haltestelle konnte bislang aus Kostengründen nicht realisiert werden.

 

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