Der Bahnhof Lindau im Spannungsfeld knapper Staatsfinanzen

Anspruch und Wirklichkeit

Im Gegensatz zur heutigen Deutschen Bahn legten die königlich bayerischen Staatsbahnen großen Wert auf Stil und Formgebung. Die Bahnhöfe der Süd-Nord-Bahn waren damals das wichtigste Hochbauprojekt Bayerns und sollten als Musterbauten landesweit Vorbildfunktion haben. König Ludwig I. hatte gemäß dem Zeitgeist des Klassizismus eine Vorliebe für antike Bauten und erließ 1841 als Stilvorschrift, dass alle Bahnbauten in antik-römischen Style auszuführen seien. Die Eisenbahnarchitektur sollte so zum geschichtlichen Bedeutungsträger des Landes werden. Der König wollte Bayern – und natürlich sich selber – historische Denkmäler setzen. Die Stilvorgabe brachte die Eisenbahn-Commission in Nürnberg in arge Verlegenheit, gab es doch bislang keine Vorbilder für eine derartige Bahnhofsarchitektur. Nach einigen Musterskizzen interpretierte die Commission die königliche Vorlage dahingehend, dass alle Gebäude einem klassischen Style zugeordnet werden sollte, ohne diesen näher einzugrenzen. Ohnehin konnten aus Kostengründen die königlichen Vorgaben gegen Ende der Bauzeit der Süd-Nord-Bahn nur noch sehr begrenzt eingehalten werden.

Schloss Nymphenburg (Foto R.Barz wikipedia) und das Empfangsgebäude des Bahnhofes Lindau, ca. 1870

Am Bahnhof Lindau wird die Problematik der Umsetzung der königlichen Stilvorschrift angesichts knapper Staatsfinanzen deutlich. König Ludwig I. wollte die Endbahnhöfe der Süd-Nord-Bahn in Hof und Lindau als Krönung der Strecke und als Grenzbahnhöfe des Königreichs Bayerns monumental bauen. Während der 1848 gebaute Bahnhof Hof noch monumental-repräsentativ gebaut werden konnte, fiel das 1853 vollendete Lindauer Gebäude deutlich kleiner und einfacher aus. Immerhin nimmt die Architektur noch Bezug zu Schloss Nymphenburg und damit zu Bayern und der Monarchie.
Gegenüber Rübers erstem Entwurf wurde das Stationsgebäude in der Längsachse von 80 m auf 65 m eingekürzt. Bei der Fassadengestaltung verzichtete man auf alle im Vorentwurf vorgesehenen Gliederungselemente. Lediglich die Fensterwölbungen und die Gesimse waren mit farblasierten Ziegeln abgesetzt. Trotz aller Einsparungen an der Fassade wurde das Erscheinungsbild des Bahnhofs wegen der drei Eingänge, den 18 Fenstern und der großen Bahnhofshalle von den damaligen Zeitgenossen aber „als nicht übel“ empfunden.

Plan des Stationsgebäudes Lindau, 1853
DB Museum Nürnberg

Der von Eduard Rüber gezeichnete Plan zeigt die Hauptansicht des Gebäudes zur Stadtseite sowie den Grundriss von Erdgeschoss und Bahnsteighalle. Das Empfangsgebäude umfasste drei zweigeschossige Gebäude, die mit einstöckigen Zwischentrakten verbunden waren. Der Haupteingang im Mittelbau führte in eine geräumige Halle mit Billetschalter und Gepäcklokal. Links des Mittelbaus waren die Wartesäle der I., II. und III. Classe und die Bahnhofsrestauration. Im rechten Verbindungstrakt lagen die Bahnbetriebsräume und das Post- und Telegraphenamt. Weitere Dienstbüros und -wohnungen befanden sich in den Obergeschossen. Die für die „Allgemeinheit“ bestimmten Wartesäle waren schlicht gestaltet mit Holzbänken und Tischen. Demgegenüber zeigte das „hochherrschaftliche“ Zimmer im rechten Verbindungstrakt eine luxuriöse Ausstattung mit weiß satin steinfarbenen Tapeten, die mit Goldleisten abgesetzt waren. An den Fenstern und Türen hingen Querbehänge aus grünem Halbbrokat. Das edle Mobiliar war grün bezogen und ein weiß glasierter Ofen sorgte im Winter für Wärme.

Ansicht von Norden, 1854
DB Museum Nürnberg
Ansicht von Süden, um 1902
DB Museum Nürnberg
Ansicht von Westen, um 1920
Foto Dr.W.Kinkelin, Sammlung Verein

Die Bahnsteighalle war ähnlich einer Kirchenbasilika dreischiffig gestaltet. Da die Eisenproduktion in Bayern damals noch nicht entwickelt war, wurde das Hallendach schlicht und schmucklos aus Holz gebaut. Lediglich der Dachstock war als Reminiszenz an den königlichen Wunsch einer oberbayerischen Prägung mit Holzornamenten im „Schweizerhausstil“ versehen. Zur Verschönerung waren die gemauerten Stirnwände mit Weinreben berankt, die Außenanlagen mit weißblühenden Robinien und rotblühenden Kastanien bepflanzt. Ein Brunnen und ein achteckiger öffentlicher Abtrittpavillon rundeten die Außenanlagen ab. Die rechts im Hintergrund zu sehenden Gebäude gehören zum Bahnbetriebswerk, in dem Lokomotiven und Wagen abgestellt, gewartet und repariert wurden. Links im Hintergrund ist der südliche Teil des Maximiliansplatzes mit Zollgebäude und Königsdenkmal zu erkennen, dahinter die monumental gestaltete Hafeneinfahrt mit Löwenstatue und neuem Leuchtturm.

Die Eisenbahn-Commission plante die Bahnstationen bis ins Detail. Zu den Wartelokalitäten gehörten neben den Warteräumen auch öffentliche Toilettenanlagen, damals Abtritte genannt. Diese waren entweder in Anbauten oder, wie im Fall Lindau, in einem eigenen kleinen Gebäude untergebracht. Sie waren unterteilt nach Geschlechtern und häufig auch nach ankommenden und abfahrenden Reisenden.

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