Schweres Schiffsunglück vor dem Lindauer Hafen

Habsburg gegen Stadt Lindau


Das Schiffsunglück vor Lindau
Zeichnung, Urheber unbekannt

Am 8. Oktober 1887 verließ das österreichische Dampfschiff Habsburg abends um 8.10 Uhr den Lindauer Hafen in Richtung Bregenz. Wegen eines verspätet ankommenden Zuges mit Anschlussreisenden hatte sich die Abfahrtszeit verzögert. Die Nacht war sternenklar und der See ruhig. Unmittelbar nach dem Auslaufen bemerkten Kapitän Graf Wilhelm Mercandin und sein Steuermann in etwa 700 m Entfernung steuerbord voraus die aus Rorschach kommende Stadt Lindau. Nach den geltenden Regeln hätte die Habsburg den Lindauer Dampfer am Heck passieren müssen, was allerdings die Verspätung des österreichischen Schiffes weiter erhöht hätte. Graf Mercandin glaubte, noch vor dem Bug der Stadt Lindau passieren zu können, jedoch schätzte er die Geschwindigkeit des Lindauer Schiffes falsch ein. Vergebens warnte ihn Steuermann Stettinger vor der drohenden Kollision. Da der Lindauer Kapitän Häberlin auf der Stadt Lindau davon ausging, dass die Habsburg regelkonform achtern passieren würde, behielt er Fahrgeschwindigkeit und Kurs bei. Auf beiden Schiffen wurde die drohende Gefahr zu spät erkannt. Die Habsburg rammte das Vorschiff des Lindauer Dampfers mit fast 20 km/h und schlitzte den Schiffsrumpf in voller Höhe auf. Mit diesem Leck sank das Schiff binnen weniger Minuten. Da das Schiff kurz vor der Hafeneinfahrt war, hatten sich die meisten Passagiere bereits an Deck begeben und konnten auf die Habsburg übersetzen, ebenso die gesamte Besatzung. Drei Passagiere hatten sich noch in Vorderkajüte aufgehalten, sie hatten keine Chance.  Der Schiffsunfall verursachte rund um den Bodensee großes Aufsehen und führte zu einer Überarbeitung der Internationalen Schifffahrts- und Hafenverordnung von 1867. Erstmals wurde eine Bodenseekarte für den Schiffsverkehr und ein Kursbuch mit Angabe der Kompasskurse erstellt sowie verbindlich einzuhaltende Fahrkurse festgelegt.

Dampfschiff Stadt Lindau, vermutl. 1880
DB Museum Nürnberg

Die 1855 gebaute Stadt Lindau war das vierte Dampfschiff der Lindauer Schifffahrts-Gesellschaft. Mit 45 m Länge und einer zulässigen Personenkapazität von 600 Passagieren war sie ihrer Zeit das größte Dampfschiff des Bodensees. Das Foto zeigt das Schiff im Lindauer Hafen in mittäglicher Sonntagsruhe vor dem Hotel de Baviere (heute Bayerischer Hof).

Der Kapitän der Stadt Lindau Christian Häberlin

Den Lindauer Kapitän Christian Häberlin traf nur eine geringe Mitschuld. Als Hauptverantwortlicher wurde der Kapitän der Habsburg, Graf Wilhelm Mercandin, angeklagt, da er nicht regelkonform ausgewichen war. Mercantin hatte bereits wegen seiner zahlreichen Karambolagen auf dem Bodensee den Beinamen „Karambolagenkapitän“ erhalten. Er wurde nach zweitägiger Verhandlung des Kreisgerichtes Feldkirch wegen grober Fahrlässigkeit, Verstößen gegen die Vorschriften und dem Tode dreier Menschen zu neun Monaten Arrest verurteilt.

Dampfschiff Habsburg, um 1885
Archiv Landeshauptstadt Bregenz

Das den Unfall verursachende Schiff blieb bei dem Unglück vor Lindau weitgehend unbeschädigt. Das Schiff wurde 1895 modernisiert und fuhr noch bis 1921. Das Foto zeigt den Dampfer beim Manövrieren im Hafen Bregenz.

Die vor dem Hafen gesunkene Stadt Lindau, 1887
Stadtarchiv Lindau

Die Stadt Lindau versank im vier Meter tiefen Wasser nicht weit entfernt vor der Hafeneinfahrt. Masten und Schornstein ragten noch aus dem Wasser. Das in der Schifffahrtsrinne zu Hafen liegende Wrack stellte ein gefährliches Hindernis für die Schifffahrt dar. Wie einer Zeitungsnotiz vom 25. Oktober 1887 zu entnehmen ist, verzögerten sich die Bergungsarbeiten wegen des „stürmischen Wetters“.

Die Untersuchung des Wracks, 1887
DB Museum Nürnberg

Zur Klärung des Unfallhergangs ließen die königlich-bayerischen Staatsbahnen das Schiff vor der Bergung untersuchen. Dazu wurde ein Taucher aus Hamburg mit der Untersuchung des Wracks beauftragt.

Vorbereitungen zur Bergung des Wracks, 1887
DB Museum Nürnberg

Erst einige Wochen nach der Katastrophe konnte das Schiff mit Hilfe zweier Trajektkähne geborgen und in die Lindauer Schiffswerft transportiert werden.

Das geborgene Wrack der Stadt Lindau im Hafen Lindau, 1887
DB Museum Nürnberg

Die Kollision war für die Stadt Lindau verheerend. Der Schiffsrumpf war zwischen Vordermast und Schornstein auf zwei Drittel der Schiffsbreite durchtrennt. Da sich eine Reparatur nicht mehr lohnte, wurde das Wrack zum Schrottpreis von 1.200 Mark an das Hammerwerk in Lauterach verkauft.

Beim Abbruch des Schiffes wurde ein Teil des Schiffsbugs gerettet. Er lag jahrzehntelang unbeachtet im Bauhof Lindau, bis er beim Aufräumen entdeckt wurde. Nach Restaurierung ist er heute im Stadtmuseum Lindau ausgestellt. 

 

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