Vom zweckorientierten Reiseschiff zum luxuriösen Ausflugsdampfer

Die elegante Dampfschifffahrt

Als um 1890 das Schienennetz am schweizerischen Bodenseeufer fertiggestellt war, verlagerte sich der Gütertransport zunehmend auf die Bahn. Dreizehn Jahre später war auch am deutschen Ufer eine durchgehende Schienentrasse zwischen Radolfzell und Lindau vorhanden. Da die Eisenbahn ein schnelleres und oftmals auch umsteigefreies Reisen ermöglichte, verloren Dampfschiffe als Reisemittel an Bedeutung und sie wurden stattdessen zunehmend im touristischen Ausflugsverkehr eingesetzt. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts begann die große Zeit der luxuriösen Salondampfer. Zusätzlich der herkömmlichen Vorschiffs-Kajüte wurden achtern Decksalons der I. Klasse eingebaut. Zudem gab es separate Raucherkabinen und einen kleinen Raum für weibliche Fahrgäste. Der Aufenthaltsraum der II. Klasse war in der Bugkajüte und auf dem Salondeck im mittleren Teil der Schiffe. Fahrgäste der III. Klasse mussten auf dem freien Vordeck ausharren.

 

Dampfschiff Ludwig II nach Umbau zu Halbsalondampfer, vermutlich 1889
DB Museum Nürnberg

Die bis dahin gebräuchlichen Glattdeckdampfer boten den Fahrgästen der I. und II. Klasse bei ungemütlichen Wetterbedingungen nur enge, unzureichend belüftete und dunkle Räume unter Deck. Fahrgäste der III. Klasse mussten ohnehin auf dem ungeschützten Deck ausharren, wo lediglich der Platz zwischen den Radkästen einen gewissen Schutz vor Wind und Regen bot. Oftmals mussten sie sich das Deck auch mit Frachtgut oder mitgeführtem Vieh teilen. Auf den Salondampfern standen den Fahrgästen dagegen komfortable Räume zur Verfügung, von denen sie durch große Fenster auf den See blicken konnten. In den Salons konnten die Passagiere auf bequemen Bänken Platz nehmen und die Fahrt genießen. Da die Neuanschaffung von Schiffen teuer war, baute die Kgl. Bay. Staatsbahnen die beiden Glattdeckdampfer Ludwig II und Bavaria zu Halbsalondampfen um.

Dampfschiff Ludwig II im Hafen Lindau, um 1900
DB Museum Nürnberg

 

 



Salondampfer Kaiser Wilhelm Ausfahrt Lindau,  1890
Stadtarchiv Lindau

Den ersten Salondampfer stellte 1871 die badischen Staatseisenbahn in Dienst. Das Dampfschiff hatte auf dem Achterschiff einen großen Salonaufbau mit luxuriöser Innenausstattung. Güter wurden auf dem Schiff nicht mehr transportiert, stattdessen konnten bis zu 600 Personen an Bord gehen. Mit dem hohen Salonaufbau war das Schiff bei Sturm windanfällig und nur schwer zu manövrieren.

Dampfschiff Wittelsbach, 1900,
DB Museum Nürnberg

Aufgrund der hohen Windanfälligkeit der ersten Salondampfer wurden die folgenden Schiffe als sogenannte „Halbsalondampfer“ gebaut. Bei ihnen war der achtern gelegene Salon hälftig in den Schiffsrumpf eingesenkt. Am 14. Juni 1879 stellte die Lindauer Schifffahrts-Gesellschaft ihren ersten Halbsalondampfer in Dienst Die knapp 54 m lange Wittelsbach konnte 500 Personen zuzüglich 50 t Ladung aufnehmen. Die schräg liegende Zweizylinder-Verbunddampfmaschine ermöglichte eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 23 km/h.

Dampfschiff Wittelsbach, 1906
Postkarte Sammlung R.Niemann

Dampfschiff Rupprecht vor Lindau, 1896
DB Verkehrsmuseum Nürnberg

1890 bis 1892 kamen in Lindau die beiden Schwesterschiffe Prinz-Regent und Rupprecht in Dienst. Mit den erstmals eingebauten dreizylindrigen Dampfmaschinen mit jeweils 550 beziehungsweise 600 PS Leistung konnten die die Schiffe auch bei Windstärke fünf und darüber Kurs und Fahrgeschwindigkeit beibehalten. Weiterer Vorteil gegenüber den herkömmlichen zweizylinder-Maschinen war das ruckfreie Fahren. Die träge Umsteuerung von Vor- auf Rückwärtsfahrt bedurfte bei den Anlegemanövern allerdings einer exakten Abstimmung zwischen Kapitän und Maschinisten. Unliebsame Kollisionen zwischen Schiff und Landungssteg konnten nicht immer vermieden werden. Nennenswerte Schäden an den Schiffen sind aber ausgeblieben, was für die Qualität und die Verarbeitung des von Maffei verwendeten Schiffbaustahls spricht.

Dampfschiff  Lindau vor Fertigstellung, 1905
Archiv Krauss-Maffei

Das dritte Neubauschiff der königlich bayerischen Staatsbahnen war die Lindau, die die Vorgängerschiffe Prinz-Regent und Rupprecht hinsichtlich Größe, Leistungsfähigkeit und Komfort noch einmal übertraf. Das 1905 abgelieferte Dampfschiff war knapp 60 m lang und hatte eine Maschinenleistung von 850 PS. Mit 28 km/h Höchstgeschwindigkeit war die Lindau ihrer Zeit das größte und schnellste Schiff auf dem Bodensee. Zum ersten Mal gab es auch für die Fahrgäste in der 2.Klasse Tischplätze. Der im Heck untergebrachte Salon der 1.Klasse war im Jugendstil gestaltet. Die Jungfernfahrt im August 1905 ging nach Rorschach, Kapitän war der uns bereits mehrfach begegnete Georg Riesch, der mittlerweile mit seinen 65 Jahren dienstältester Kapitän der Lindauer Flotte war.

Modell Dampfschiff Lindau 
Leihgabe DB Verkehrsmuseum Nürnberg an Seemuseum Kreuzlingen
Foto Stefan Stern

Dampfschiff Bavaria II, vermutlich um 1910
Stadtarchiv Lindau

Das letztgebaute bayerische Dampfschiff war die Bavaria II. Beim Stapellauf am 21. Juni 1912 war auch die erste Bavaria (Baujahr 1869) unter Dampf anwesend (der Veteran wurde tags darauf außer Dienst gestellt und noch im selben Jahr abgebrochen). Die Bavaria II absolvierte ihre Jungfernfahrt am 1.August 1912 zur Insel Mainau, an Bord befanden sich zahlreiche Honoratioren der Staatsregierung, der Eisenbahndirektion Augsburg und der königlich bayerischen Dampfschifffahrts-Inspektion Lindau, außerdem durften 200 Schulkinder aus Lindau und Umgebung umsonst mitfahren. In Meersburg begrüßten die badischen Dampfschiffe Kaiser Wilhelm und Stadt Meersburg das bayerische Schiff mit Schiffsirenen und Flaggenparade, auf der Insel Mainau beehrte die badische Großherzogin Luise das Schiff. Auf der Rückfahrt feuerte das Maschinenpersonal den Kessel bis zur Leistungsgrenze und mit einer erzeugten Maschinenleistung von 1.000 PS fuhr das Schiff mit konstant 30,3 km/h zurück in die Inselstadt. Diese Geschwindigkeit hatte bis dahin kein Bodensee-Dampfer erreicht. Als die Bavaria II bei Dunkelheit wieder den Lindauer Hafen erreichte, war dieser erstmals mit der neuen Hafenbeleuchtung illuminiert.

Salon Dampfschiff Bavaria II, vermutlich um 1910
Stadtarchiv Lindau

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