Die Dampftrajekte

Schiffsgiganten auf dem See

Angesichts des rasch ansteigenden Güterverkehrs war man sich in Lindau schon bald darüber im Klaren, dass der Fährverkehr mittels Schleppbooten aufgrund der begrenzten Ladekapazitäten und der umständlichen Manöver in den Häfen keine Zukunft hatte. Um sowohl gegenüber Friedrichshafen als auch gegenüber der Eisenbahn auf lange Sicht konkurrenzfähig zu bleiben (mit Eröffnung der Bahnstrecke Lindau – Bregenz – St.Margrethen konnten die Güterwaggons nunmehr auch auf der Schiene in die Schweiz gefahren werden), musste die Transportkapazität des Seewegs erhöht werden. Bei der Züricher Maschinenfabrik Escher Wyß & Cie, die bereits das Friedrichshafener Dampftrajekt I gebaut hatte, wurde das Dampftrajekt II in Auftrag gegeben. Wie damals üblich, bekamen Arbeits- und Frachtschiffe im Gegensatz zu Passagierschiffen keine Namen. Am 19. August 1874 konnte die neue Fähre in Dienst gestellt werden. 1883 wurden 50.000 Güterwagen, im Schnitt also täglich etwa 140 Güterwagen, zwischen Lindau und Romanshorn in beide Richtungen über den See transportiert.

Dampftrajekt I im Hafen Romanshorn
Stadtarchiv Friedrichshafen

Während der Trajektverkehr in Lindau mit drei motorlosen Schleppkähnen gestartet wurde, setzte man in Friedrichshafen gleich eine Dampftrakjektfähre ein. Das Schiff wurde von dem englischen Ingenieur John Scott Rossel konstruiert. Zur feierlichen Einweihung 1869 hatte man einen Personenzug mit Lokomotive auf das Schiff gefahren. Im Normalbetrieb wurden weder Personenwagen noch Lokomotiven über den See transportiert. Die Fähre war aufgrund ihres hohen Kohlenverbrauchs – pro Stunde mussten die Heizer sage und schreibe 850 kg Kohlen verfeuern – sehr unwirtschaftlich. Als „Kohlenfresser“ verschrien, wurde Dampftrajekt I 1882 nach nur 13 Jahren Dienstzeit ausgemustert.

Dampftrajekt II im Hafen Lindau
Postkarte Sammlung Schlegel

Dampftrajekt II wurde in Lindau von der Züricher Maschinenfabrik Escher-Wyss Comp. gebaut. Mit stattlichen 73 m Schiffslänge ist die Fähre bis heute das größte Schiff, das jemals auf dem Bodensee verkehrte. Das Foto verdeutlicht die Größenunterschiede zu den damaligen Dampfschiffen: Der vor dem Mangturm liegende Salondampfer Sankt Gallen ist mit einer Länge von 54 m rund 20 m kürzer als Dampftrajekt II. Das Schiff war mit zwei Dampfmaschinen ausgestattet, die unabhängig voneinander gesteuert werden konnten und über eine Achswelle jeweils ein Schaufelrad antrieben. Die getrennte Regelung der im Durchmesser knapp 4 Meter großen Schaufelräder ermöglichte eine sehr gute Manövrierfähigkeit bis hin zum Drehen auf der Stelle. Aufgrund seiner Länge benötigte Dampftrajekt II dennoch das gesamte Hafenbecken zum Manövrieren, dabei durfte kein anderes Schiff unterwegs sein.

Dampftrajekt II an der Trajektanstalt im Hafen Lindau
DB Museum Nürnberg

Die Ladekapazität von Dampftrajekt II betrug 18 Eisenbahnwaggons und damit mehr als das Doppelte der Schlepptrajekte. Für das Foto hat sich das gesamte Schiffs- und Rangierpersonal aufgestellt.

Dampftrajekt II mit zwei Trajektkähnen
Stadtarchiv Friedrichshafen

Dampftrajekt II pendelte in der Regel pro Tag zweimal zwischen Lindau und Romanshorn. Eine Überfahrt dauerte 1 Stunde und 40 Minuten, mit angehängten Trajektkähnen auch länger.
Oft wurden zwei Trajektkähne angehängt, damit konnten auf einer Fahrt insgesamt 32 Eisenbahnwagen über den See transportiert werden, das entsprach damals in etwa einem komplettem Güterzug.

Dampftrajekt II
Archiv Landeshauptstadt Bregenz

Das Foto zeigt eindrucksvoll die Größe von Dampftrajekt II in voll beladenem Zustand.
Das Schiff befindet sich kurz vor der Einfahrt in den Hafen Lindau.

Dampftrajekt II im Lindauer Werfthafen, vermutlich 1920
Foto Kinkelin, Sammlung Eisenbahn- u. Schifffahrtsmuseum

Dampftrajekt II war 42 Jahre lang bis 1915 zwischen Lindau und Romanshorn im Einsatz. Bei Beginn des Ersten Weltkriegs musste die Fähre wegen mangelnder Auslastung stillgelegt werden, nach dem Krieg nahm man den Betrieb nicht wieder auf. Nach über zwölfjähriger Liegezeit im Lindauer Hafen wurde das Schiff 1927 in Altenrhein abgewrackt.

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