Lindau wird zur modernen Schnittstelle des See- und Schienenverkehrs

Ein neuer, nicht ganz perfekter Hafen

Mit Inbetriebnahme der bayerischen Ludwig-Süd-Nord-Bahn wurde der Lindauer Hafen als Zentrum der bayerischen Dampfschifffahrt und als Knotenpunkt für internationale Verbindungen in die Schweiz und nach Italien gestärkt. Mit der Eisenbahn erwartete man nicht nur einen Anstieg des Reiseverkehrs nach Lindau, sondern auch eine Zunahme der im Transitverkehr zu verschiffenden Waren und Güter. Diese allerdings konnte der 1812 zur Zeit der Segelschifffahrt von Karl Friedrich Wiebeking entworfene Hafen nicht mehr bewältigen. Die Kaianlagen waren für Dampfschiffe ungeeignet, die Hafeneinfahrt zu eng, der Wasserstand im Hafenbecken wegen ständiger Verschlammung zu niedrig und die Zufahrtsrinne zum Hafen war aufgrund der Strömungsverhältnisse der ständigen Verlandung ausgesetzt. Zur Beseitigung dieser Mißstände beschlossen die Staatsbahnen – der Hafen war 1841 von der Stadt Lindau auf den Staat Bayern übergegangen – eine grundlegende Sanierung und Ausbau der Anlage. Der Generalplan für den Umbau stammt von dem leitenden Architekten der königlichen Eisenbahn-Commission Eduard Rüber, für den das Projekt Lindau Abschluss und letzter Höhepunkt seiner beruflichen Tätigkeit war. 1856 konnten die Umbauarbeiten des Seehafens beendet werden. Krönender Abschluss war die Einweihung des Denkmals von König Maximilian II, welche am 12.Oktober 1856, also rund zwei Jahre nach Eröffnung des Bahnhofs, stattfand.

Der Lindauer Hafen, um 1880
Ausschnitt aus der Luftansicht von E.Pfann und J.Egg,
DB Museum Nürnberg

Pläne der von Rüber entworfenen Gesamtanlage Bahnhof und Seehafen sind nicht bekannt. Die äußerst detaillierte Ansicht zeigt den Zustand rund 25 Jahre später, in diesem Zeitraum hat sich die Anlage aber kaum verändert, nur der Trajektanleger links des Neuen Leuchtturms ist hinzugekommen. Das neue Hafenbecken war mit 38.200 qm mehr als doppelt so groß wie das alte. Durch Abriss der vom Mangturm ausgehenden Westmole wurde der unbefestigte Außenhafen in den Hafen integriert. Das unbefestigte Fuchsloch des Außenhafens, einst Landeplatz der Fischer und Standort der ersten Schiffswerft Lindaus, wurde mit einer Mole befestigt. Die alte Stadtbefestigung am Fuchslochturm kam zum Abriss, die Landzunge wurde aufgeschüttet und zum Hafen hin mit einer hohen Kaimauer versehen. Die den Hafen zum See hin schützende, bogenförmige Südmole von 1812 wurde aus Kostengründen beibehalten, was nachtteilig für den Schiffsbetrieb war, da Dampfschiffe aufgrund der schräg zum Hafenbecken angeordneten Einfahrt umständliche An- und Ablegemanöver absolvieren mussten.

Hafeneinfahrt Lindau, 1857 Farblithographie E.Bollmann, Stadtmuseum Lindau G.l.e.a. 153

Der neue Hafen war der ganze Stolz Lindaus und wurde nach der Eröffnung von der Bevölkerung ausgiebig von Ruderbooten aus besichtigt. Auf dem Bild dominieren noch die Lastensegler, an der Nordmole sind aber bereits zwei Dampfschiffe zu erkennen. Die Sichtachse geht durch die von Neuem Leuchtturm und bayerischem Löwen flankierte Hafeneinfahrt zum Maximiliansplatz mit dem Denkmal des bayerischen Königs. Links stehen die Zollgebäude, rechts das Hotel de Baviere, im Hintergrund ist der neue Lindauer Bahnhof zu erkennen.

Maximiliansplatz, um 1894
Foto Zabuesnig, Sammlung P. Fleck

Mit der Vergrößerung und Modernisierung des Hafens war für Fahrgäste eine komfortable Verkehrsanlage mit kurzen Umsteigewegen zwischen Bahn und Schiff entstanden. Das vom neuen Leuchtturm aufgenommene Foto zeigt den Maximiliansplatz mit Denkmal und dem Bahnhof im Hintergrund. Links die Zollgebäude, rechts das Hotel de Baviere (heute Bayerischer Hof). Das württembergische Dampfschiff Eberhard wartet auf Anschlussreisende des Mittagszuges aus Augsburg.

Neuer Leuchtturm Lindau, 1906
Postkarte Gebr. Metz
Sammlung Verein Eisenbahn- und Schifffahrtsmuseum

Zum Schutz des Hafenbeckens gegen Wind und Wellenschlag baute man seeseitig eine Mole, die zur Hafeneinfahrt hin mit einen bastionsartigen Molenkopf abschloss.
Auf diesem errichtete man den rund 30 m hohen Leuchtturm mit Blinkfeuer. In etwa halber Höhe war im Turm eine Nische, in der die Nebelglocke installiert war.

Der bayerische Löwe
kolorierte
Postkarte 1920er Jahre,
Sammlung Verein Eisenbahn- und Schifffahrtsmuseum

Auch die alte, aus dem Jahr 1812 stammende Südmole erhielt einen Molenkopf, auf dem die Statue eines Löwen, des bayerischen Wappentieres, gestellt wurde. Die 6 m hohe und etwa 50 Tonnen schwere Löwenstatue besteht aus großen Jura-Sandsteinblöcken, die mit der Bahn von Kehlheim nach Lindau transportiert wurden. Der Münchner Bildhauer Johann von Halbig (1814 – 1882) modellierte die Statue nach einem Entwurf von Eduard Rüber. Mit dem bayerischen Löwen und dem neuen Leuchtturm war der einzige Seezugang Bayerns in Rivalität und Abgrenzung zum württembergischen Friedrichshafen monumental gestaltet. Das „Tor Bayerns“ sollte die damals mit dem Dampfschiff aus der Schweiz ankommenden Reisenden würdig empfangen und auf ihre Weiterfahrt mit der Eisenbahn in das Königreich Bayern einstimmen.

Hafen Lindau, um 1877
Farblithographie bei Gutermann & Schmidt St.Gallen, im Auftrag von W. Speth,
Sammlung Verein Eisenbahn- und Schifffahrtsmuseum

Das Denkmal des Königs Maximilians II. stand auf der Nordmole gegenüber der Hafeneinfahrt, so dass es mit der Löwenstatue und dem neuen Leuchtturm als Trinität räumlich im Zusammenhang zu sehen war Der König „blickte“ vom Hafen auf den See und zu den Alpen, umgekehrt konnte er von den Fahrgästen der einlaufenden Schiffe wahrgenommen werden. Die ankommenden Reisenden sollten sofort erkennen, wer in Bayern das Sagen hatte. Interessant ist die Darstellung der Nordmole mit dem Treppenzugang zum Wasser. Das Bild wurde von dem Besitzer des Hotels Bayerischen Hof Wilhelm Speth in Auftrag gegeben. Das Dampfschiff im Vordergrund rechts ist spielzeughaft klein wiedergegeben, damit das Hotel umso großartiger wirkt.

Denkmal Maximilian II. am Seehafen, 1909,
Postkarte,
Sammlung Verein Eisenbahn- und Schifffahrtsmuseum

Das Denkmal bestand aus der rund 3,50 Meter hohen eisernen Statue des Königs und vier allegorischen Steinfiguren als Symbole für Handel, Ackerbau, Kunst und Wissenschaft. Die Figur des Königs wurde ebenfalls vom Bildhauer Johann von Halbig entworfen. Das Denkmal wurde Ende der 1930er Jahre von den Nationalsozialisten abgebrochen. Nur der Mittelsockel ist erhalten, er steht heute auf der Karlsbastion.

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